Einen Herzschlag entfernt

die Geschichte einer Mutter

"Diese faszinierende Memoir über den Kampf einer Mutter um das Leben ihres Babys zu retten, welches mit nur einem halben Herzen geboren wurde, in einem fremden Land, von dem die Mutter weder jemanden kannte, noch die Sprache verstand, wird sie inspirieren durchzuhalten, entschlossen zu sein und niemals aufzugeben wenn sie mit einer Herausforderung konfrontiert werden."

Dean Ornish, M.D.
Founder & President, Preventive Medicine Research Institute
Clinical Professor of Medicine, UCSF
author, The Spectrum

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"Tracie ist eine Heldin. Mögen viele Eltern aus ihren Erfahrungen lernen."

Dr. med. Dipl. Psych. Alex Gillor


"Diese Geschichte von Marc zeigt das Beispiel einer entschlossenen Mutter, die nie die Hoffnung verloren hat und weltweit nach einer Möglichkeit suchte, das Leben ihres leidenden Kindes zu retten. Ich bin sicher, dass der Leser durch diese gut geschriebene, mitfühlende und überzeugende Erzählung ergriffen sein wird."

Aldo Castañeda, M.D. Ph.D.


"Eine Geschichte, die Eltern inspiriert, voller Liebe Humor und Kummer. . . Sprachlicher Reichtum ist im gesamten Text zu finden."

KIRKUS REVIEW


"Durchweg wunderschöne Formulierung. Die emotionale Nacherzählung der Geschichte aus Sicht der Autorin, zeigt große Kraft durch das erneute durchleben, federt zu schönen Formulierungen und visuellen Beschreibungen wie das überbrücken Ihrer Herausforderungen. Autorin vermittelt Emotionen in enormer sensorischer und auf Erfahrung beruhender Beschreibung, wie z.b. „das Gebrüll von der Grube Ihres Magens“. Wir verstehen ihre Verwirrung, ihren Schock, ihre Angst und wir werden durch ihrer Beschreibung der Worte der Ärzten als Instrument der Folter getroffen. Sehr gut getroffen. Autorin malt die Umgebungen sehr gut, ergänzt sensorische Details, welche die Szenen zum Leben erwecken und Dialoge werden mit Energie und Verbindungen verinnerlicht. Sehr gut gemacht. Von ihrer Erfahrung lernen wir den Unterschied zwischen dem ändern einer Meinung von jemandem und dem nicht akzeptieren der Meinung anderer.
Da ist sehr stark und einer der größten Geschenke des Buches. Sehr gut gemacht. Der Widerstand der Ärzte Ihren Sohn in die Pflege amerikanischer Mediziner freizugeben bewegt den Leser, da unsere Herzen in der Idee versinken, dass diese doch eher besorgt sein müssten, nicht in der Lage zu sein, den Fall Ihres Sohnes gut genug behandeln zu können. Die Autorin nutzt alle Groß-/Kleinschreibung in Ihrer Reaktion so gut. Wir schreien mit Ihr an Ihrer Seite. Die Autorin hat eine bewegende Geschichte gestaltet, die als großartige Anleitung für jeden Leser gelten kann, der einer ähnlichen Situation ins Auge sieht. Gut gemacht! Die Schreibstimme der Autorin trägt uns zuversichtlich durch einige undenkbar schwierige Momente, während sie uns gleichzeitig umarmt."

25th Annual Writer’s Digest Self-Published Book Awards judge's commentary


"Bedingungslose Liebe gepaart mit Tatkraft und Mut zeichnen die überwältigende Lebensgeschichte von Marc aus. Daraus schöpfe ich Kraft für meine Arbeit und mein Leben."

Sonja Klima - Präsidentin der Ronald McDonald Kinderhilfe, Österreich


"Tracie Frank Mayers 'Einen Herzschlag entfernt' drückt gleichzeitig auf die Tränendrüse und erwärmt das Herz. Eine wahre Geschichte voller Poignanz und Leidenschaft, die die Leser weinen, lachen und feiern lässt."

Heather McNamara for IndieReader


"Angeborene Herzfehler sind eine führende Ursache für Säuglingserkrankungen und deren Tod. Es besteht sicherlich ein dringender Bedarf an mehr öffentlichem Bewusstsein. Ich wünschte, ich hätte eine solch inspirierende Geschichte vor etwa dreißig Jahren gelesen, als meine Reise begann. Wir können Fakten und Zahlen erforschen, aber am besten lernen wir durch solche Geschichten.

Wir leben für die Inspiration.

Das Leben ist voller Enttäuschungen und keiner von uns ist dagegen immun. Das Unwahrscheinliche scheint ein Leben lang fern zu sein. Die Wahrheit dagegen ist, dass wir manchmal etwas gewinnen oder verlieren und manchmal verlieren wir alles. Wir kämpfen uns täglich durch das Leben und unabhängig der Größe unserer Herausforderungen suchen wir inspirierende Geschichten von Glaube und Hoffnung. Besonders wenn man auf die Probe gestellt wird.

Einen Herzschlag entfernt–die Geschichte einer Mutter ist ein Beweis für die Ausdauer des menschlichen Geistes.

Die Botschaft von meiner Geschichte kann ich Ihnen in 3 Wörtern sagen: Gebt niemals auf!

Ich möchte Sie durch Marcs and meine Geschichte ermutigen wenn Sie für irgendwas in ihrem Leben kämpfen müssen, sei es Gesundheit, wie auch immer– bitte, geben Sie nicht auf! Halten Sie durch! Seien Sie mutig in Ihren Überzeugungen, und seien Sie überzeugt von Ihrem Mut!

Um unser höchstes Potenzial im Leben zu erreichen, müssen wir manchmal Kämpfer sein. So be driven. Push. Und erkennen Sie, dass Charakter in schwierigen Zeiten entwickelt wird. Das Leben ist zu kurz und zu kostbar, um nonchalant zu sein.Wir können Widrigkeiten trotzen. Wir können unsere Widerstandsfähigkeit entwickeln. ALLES ist möglich denn aufgeben gibt’s nicht und das ist das Herz aller Dinge!

Gebt niemals auf!"

Tracie Frank Mayer


Lesen Sie das Kapitel 15


Überwunden?

Marc war inzwischen zweieinhalb Jahre alt. Er saß beim Arzt auf meinem Schoß, sein Rücken war an meine Brust geschmiegt. Ich hätschelte und liebkoste ihn, rieb sanft mit meiner Nase und meinem Mund über seines perfektes Köpfchen, küsste ihn auf den Nacken und sein seidiges Kinn. Er duftete nach Babypuder und Kleinkind. Er war fasziniert von dem riesigen Poster an der Wand, auf dem stand: »A steht für Apfel und B steht für Ball«, und wandte seine Augen nicht davon ab, als er seine warme kleine Hand hob, das Gesicht hinter sich tätschelte und »Ah, Mama« seufzte. Er war in diesem Moment so zufrieden wie eine schnurrende Katze.

Ich dagegen konnte es nicht erwarten, bis der Professor endlich seine Notizen über die Untersuchung vom Vormittag zu Ende schrieb. Obwohl ich wie auf glühenden Kohlen saß, fühlte ich mich trotzdem, als hätten ich bereits den Sieg davongetragen, denn das Unheilvollste allen Unheils war nicht eingetreten. Es war nicht so sehr das Gefühl, etwas erreicht zu haben, sondern die Erkenntnis, dass ich Berge versetzt hatte, viele Berge, um all die Viren zu bekämpfen, die meinen Sohn befallen hatten, und jedes Mal hatte ich dabei Angst und Sorge überwunden, denwir hatten Fortschritte gemacht: Unser Kind lebte, es wuchs und gedieh und war rundum glücklich. Ich fühlte mich nicht nur gut, sondern wunderbar!

Doch dann hörte ich das Rascheln des Papiers, als der Professor die einzelnen Blätter zurechtrückte. Das metallische Klicken, als er den Füller auf den Tisch legte. Ich hörte, wie er sagte: »Er kann nicht überleben. Sie sollten wirklich in Erwägung ziehen, ein zweites Baby zu bekommen.«

Drei Monate später. Kein Zweifel: Ich machte einen erbärmlich unbeständigen Eindruck. Das war größtenteils darauf zurückzuführen, dass ich mich fragte, ob Helmut und ich das Richtige taten. Ich fühlte mich, als würden meine unteren Gliedmaßen sich langsam von meinem Oberkörper ablösen, als würden die Muskeln unter meiner Haut widerwillig zusammenschmelzen und an den Füßen verklumpen. Jeder Schritt war schwerer als der Schritt davor, aber wie brave kleine Soldaten folgten Ferse und Ballen den Umständen und dem mit Teppich belegten Gang unter meinen Füßen. Andererseits: Ich war gleichzeitig geradezu trunken vor Freude!

Ich hatte Marc seitlich auf meine Hüfte gesetzt und schlängelte ich mich den Korridor entlang. Glückliche, gefasste Gesichter durchbrachen die katastrophalen Bilder, die vor meinem geistigen Auge reiften.

»Was, wenn der Professor recht hat?«, fragte ich mich immer wieder.

Die Gedanken an all die Vorbereitungen, die wir in den letzten Wochen getroffen hatten, nahmen mich komplett in Beschlag.

Der Professor runzelte die Stirn.

»Es ist ein enormes Risiko ... Keine gute Idee ... Ein Sauerstoffverlust würde vielleicht ... Ich kann’s nicht sicher sagen ... Sie müssen sich fragen, ob das wirklich nötig ist ... Natürlich müssten die Behörden informiert werden ... Ob sie überhaupt zustimmen ...«

»Würden Sie es tun?«, fauchte ich ihn an.

Er neigte seinen Kopf zur Seite und zuckte zaghaft mit den Schultern. Seine Lippen bewegten sich nicht zu einem Lächeln. Der Blick in seinen Augen sagte mir, dass ich unsere Pläne vergessen sollte. Ich wollte einfach nur weinen. Und ich tat es.

Doch als ich gegangen war, kam ich plötzlich in Fahrt. Allein der Gedanke, keine Wahl zu haben, gefesselt zu sein, ließ ein klaustrophobisches Gefühl in mir aufsteigen, als würde mein Innerstes in einem Schraubstock zusammengequetscht. Ich machte einige Telefonate. Aufgrund der Informationen, die ich gesammelt hatte, war mir klar, dass es nicht einfach werden würde. Und ich war mir sicher, dass der Professor nicht kooperieren würde. Also beschloss ich, die linke Hand nicht wissen zu lassen, was die rechte tat. Es musste funktionieren. Ich musste das hinbekommen.

Nach einem Gespräch mit Dr. Tinschmann sah die Welt schon anders aus: Hoffnung wiederhergestellt! Ein Teil unseres Gesprächs konzentrierte sich auf die Tatsache, dass ich einen Brief benötigte, in welchem stehen sollte, dass Marc sich trotz seines Herzfehlers guter Gesundheit erfreute.

»Kein Problem«, meinte Dr. Tinschmann.

Besagtes Dokument wurde an Dr. Sommer geschickt, den Arzt, der für die Abteilung des Unternehmens verantwortlich war, von dem ich annahm, dass es uns am ehesten entgegenkommen würde. Er war überaus geduldig und freundlich, und obwohl wir wirklich kein Kräftemessen veranstalteten, gab mir sein Auftreten verstehen, dass er den Laden fest im Griff hatte. Was mir nur recht war, denn was mich betraf, so hatte ich meine Hausaufgaben gemacht: Den Brief, den er von uns gefordert hatte, hielt er in der Hand. Der Gedanke, dass ich die negative Gegenströmung des Professors umschifft und meine Mission fast erfüllt hatte, gab mir einen solchen Adrenalinschub, dass ich fast ohnmächtig geworden wäre.

Ein Traum stand kurz vor seiner Verwirklichung, und ich war mir sicher, dass keine Blitzschläge aus heiterem Himmel auf mich niederfallen würden. Yes! Ich dachte, die Sache sei erledigt! Und dann? Dann drückte Dr. Sommer sein Bedauern für die Unannehmlichkeiten aus, aber die Unterschrift des Professors, eines Kardiologen, wäre notwendig. Zack! Bei laufendem Motor den Rückwärtsgang eingelegt! Was?! Verstand er denn nicht, dass ich nie die Unterschrift des Professors auf einem solchen Brief bekommen würde? Warum musste er die Sache verkomplizieren? Wollte er etwa eine eigene Tour durch das Land des Pessimismus? Ich hatte mein Bestes gegeben, einen großen Bogen um dieses, um den Professor zu machen! Warum reichte ihm der Brief, den er in seiner Hand hielt, nicht aus?

Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass dieser Plan nicht funktionieren würde, daher versuchte ich, mich aus diesem Dilemma herauszuwinden, indem ich so tat, als würde ich kein Deutsch verstehen und auch kein Englisch mit deutschem Akzent und schon gar nicht irgendwelche vernünftigen Begründungen. Es nützte nichts. Dr. Sommer gab mir einen Formbrief mit, auf dem »Bescheinigung des diagnostizierenden Arztes« stand. Der Professor sollte ihn ausfüllen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihn wieder aufzusuchen. Das Schlimmste, was passieren konnte, war, dass er Nein sagte. Doch das würde ich nicht akzeptieren.

Widerstrebend füllte der Professor das Formular aus, aber er tat es. Mit Ach und Krach, wie man so schön sagt.

»Marc könnte gelegentlich Sauerstoff benötigen«, notierte der Professor zu einer der Fragen. »Drei bis vier Liter pro Minute. Seine Eltern haben den Wunsch nach einem ärztlichen Betreuer geäußert und werden die nötigen Vorkehrungen treffen.«

Puh... Wiederholen bitte, zurückspulen, wiederholen bitte, und noch mal. bitte. Mein Gehirn muss ausgesehen haben, als hätte man es durch den Reißwolf gedreht. Ich wagte nicht, Helmut nach seiner Meinung zu fragen, nicht noch einmal. Jetzt war es eh zu spät. Wir hatten die Sache hin und her, hoch und runter, auf und ab besprochen, bis zu dem Punkt, an dem Helmut endlich glaubte (so wie ich glaubte, tief in meinem Herzen, ganz tief da drinnen), dass wir die richtige Entscheidung getroffen hatten. Optimismus war die Tugend von Helmut. Er war sehr hartnäckig in seinem Bestreben, keine Energie mit Grübeln zu verschwenden. Er sorgte sich erst, wenn es sein musste. Ich war auch mal so, ehrlich. Doch meine Antwort darauf lautete inzwischen: Okay, gut, super, toll. Aber was ist, wenn »Erst, wenn es sein muss« schon zu spät ist?

»Tracie, ich würde mich trotzdem erst dann damit auseinandersetzen und nicht eine Minute früher!«, konnte ich ihn hören. Seine Stimme etwas angehoben, gerade so an der Schwelle zum Sauersein. »Keine Minute früher! Also warum soll ich mir jetzt einen Kopf machen? Ich bin doch nicht blöd!«

»Das hat doch nichts mit Blödsein zu tun, Helmut! Ich hab mich nur gefr–«

Ich unterbrach mich selbst: Hör auf, Tracie! Hör auf mit deinem Masochismus! Du wirst noch wahnsinnig. Dr. Tinschmann hat gesagt, dass er keinerlei Probleme erwartet. Das Leben gehört den Lebendigen. Also komm! Reiß dich zusammen! Bejahe das Gute, das dir widerfährt – und zwar sofort! Und nur für den Fall, dass du es vergessen hast: Der Professor hat nicht geschrieben, dass die Sache ganz sicher schiefgehen wird –

Nein, hat er natürlich nicht! Aber er hat gesagt, dass kein Krankenhaus in der Nähe wäre, falls etwas passieren sollte. Und das ist es, was mir so eine Angst einjagt. Dieses verflixte »Falls etwas schiefgeht!«

Du brauchst keine Angst zu haben. Du wirst kein Krankenhaus brauchen. Und in dem unwahrscheinlichen Fall –

Tipptipptipp ... tipptipp!

Bei dieser Berührung auf meiner Schulter zuckte ich erschrocken zusammen. Ich drehte mich um und sah in die Augen von Dr. Spatler.

»Frau Mayer, ist alles in Ordnung?«
»Ja, Dr. Spatler. Danke. Geht es Ihnen ... geht es Ihnen gut?« »Oh, ja, ja, mir geht’s gut. Alles gut. Alles wird gut. Machen Sie sich keine Sorgen.«

Er tätschelte wieder meine Schulter und lächelte ein ehrliches Lächeln. Ich lächelte zurück. Es war nicht ehrlich. Ich drehte mich wieder um. Marc wurde unruhig und zappelte. Ich wünschte, er wäre ruhig.

Wo waren wir stehen geblieben? Ich fuhr mit meinem Selbstgespräch fort.

Falls etwas passieren sollte, ist Dr. Spatler hier. Ich meine, er ist schließlich vom deutschen Rettungsdienst! Mehr Sicherheit geht doch gar nicht!

Ja, aber das ist doch genau das, was ich meine. Das ist genau der Grund für meine Sorgen. Wenn alles wirklich problemlos nach Plan läuft, warum muss er dann hier sein?

Du machst wohl Witze! Du weißt doch ganz genau, warum er hier sein muss: Seelenfrieden, Absicherung. »Das machen wir aber nur wenn« – Das waren doch deine Worte, deine Bedingungen. Sei einfach dankbar, dass es geklappt hat. Denk positiv.

Ich bin ja dankbar. Es ist nur so, dass –

Ich weiß, ich weiß, ich weiß. Marc ist fast drei Jahre alt, und wir haben es in kurzer Zeit so weit geschafft, mit all seinen Erkältungen und Lungenentzündungen, die sich monatelang hingezogen haben, und Triefnasen und Fieber und Brechen und Bronchitis und all die Mühen und Wehen, alles im Keim zu ersticken, es in den Griff zu bekommen, es mit Fassung zu tragen, und all die Zeiten, in denen Dr. Tinschmann die Viren gerade eben noch so durchgewunken hat, weil sie zu den Virusinfekten gehörten, die dazu beitragen können, dass Antikörper gebildet werden, den Virusinfekten, die wohl jedes Kind bekommt, und all die Zeiten, in denen wir uns gesorgt, gesorgt, gesorgt haben, während wir diese Infekte genauestens im Auge behielten und die wöchentlichen Arztbesuche und die Bluttests und die Physiotherapie ...

Aber, hey! Schau uns jetzt an! Wir haben’s geschafft! Die Antibiotika, die Hustensäfte – hat alles gewirkt, das ganze Zeug! Und nach Monaten des Herumgerollt- und Herumgereicht- und Ermutigtwerdens, ist dieser kleine Mann an einem Montagnachmittag, den du nie vergessen wirst, im Alter von zwei Jahren, einem Monat und sechsundzwanzig Tagen aufgestanden, hat seinen ersten Schritt gemacht, in die Hände geklatscht und »Bravo!« gerufen. Dann hat er seinen zweiten Schritt gewagt, und du hast gejauchzt und geschrien, bis du fast heiser warst. Und weißt du noch, als du seiner zügellosen Leidenschaft für Süßes nachgegeben und ihm so lange Schokoladenpudding gefüttert hast, bis du ihn endlich hören konntest, wie er »Puddn« sagt, und wie er dann Durchfall bekommen hat? Und kannst du dich noch erinn –

Marcs Zappelei riss mich aus meinen Gedanken.

»Marc, sei ruhig! Mama meint es ernst!«, sagte ich und quetschte ihn zwischen Helmut und mir auf den Sitz.

Helmut streckte seine Hand aus und drückte mein Knie. Eine liebevoll gemeinte Geste, aber ich kann es wirklich nicht leiden, wenn er das tut.

Ruhig, Tracie, ruhig. Sammle dich, ermahnte ich mich. Ich atmete tief aus. Puh. Frieden. Na ja, wenigstens würde ich dieses Massiv aus rostfreiem Stahl und Hydrauliksystemen nicht sehen, wie es nickt und schwankt und rollt, weil ich drinnen war und nicht draußen.

Du bist hier nicht beim Drachenfliegen, fuhr ich fort, mich zu beruhigen. Wer hätte mir jemals abgenommen, dass ich mich sonst immer zurücklehne und das Fliegen genieße? Aber heute habe ich Sauerstoffbehälter dabei und einen medizinischen Betreuer vom deutschen Rettungsdienst und mache mir Sorgen über die physiologischen Auswirkungen, die eine Überdruckkabine provozieren kann, und dann hab ich da auch noch diese blöden Flecken, die plötzlich auf meinem Gesicht und meinen Armen aufgetaucht sind, und ich fühle mich, als würde jemand mit einem Brandeisen an mir herumstochern. Ha, und dabei heißt es, der Weg sei das Ziel. Reisen soll Spaß machen. Würde sich mal bitte jemand an der Quadratur dieses Kreises versuchen?

Bist du jetzt fertig?

Ich hab noch nicht mal angefangen.

Du könntest auch einfach das tun, was du sonst immer tust. Und das wäre was?
Dich zurücklehnen und entspannen.

Schließlich gab ich es auf, Selbstgespräche zu führen.
Ich seufzte und machte die Augen zu. Der Klang der Maschine beim Abheben schwoll an, und kurz darauf stiegen wir in den Himmel und stiegen und stiegen, höher und höher, bis wir unsere Reiseflughöhe erreicht hatten, über den Wolken, über den Schlechtwetterwarnungen, und das Kranichlogo zog Kondensstreifen hinter sich her.

Richtungskontrolle im Cockpit. Das war’s. Nach drei Jahren der Abwesenheit war ich wieder auf dem Weg in meine Heimat. Nun brachte ich Marc endlich, wirklich und wahrhaftig nach Hause!

Ich übergab meine Angst dem Autopiloten. Dem Piloten, der wirklich am Steuer sitzt, dort oben, ganz hoch oben.

Warum hört dieses Kind nicht auf herumzuzappeln?, fragte ich mich. Er drehte und wandte sich wie ein kleiner Aal, wechselte nonstop von meinem auf Helmuts Schoß und wieder zurück, wankte und schwankte und torkelte und taumelte an den Armstützen entlang, lieferte sich Kindergeplänkel mit den Passagieren vor, hinter und neben uns, die es, zu meiner großen Irritation, nicht aufgaben, ihn immer wieder auf Deutsch anzusprechen und einen Riesenspaß dabei hatten, ihm dabei zuzusehen und zuzuhören, wie er mit mir Englisch sprach. Auch die Flugbegleiterinnen amüsierten sich köstlich, vor allem eine, die Marc ein paar Lufthansa-Souvenirs schenkte, darunter ein Miniaturflugzeug. Von da an machte er natürlich nur noch: »Brrrr, guck mal mein Flugzeug, Papa!«, und im nächsten Atemzug auf Englisch: »Brrrr, look at my airplane, Mama!« Seine kleinen Arme fuchtelten in der Luft herum, und weil sie nicht hoch genug reichten, halfen seine kurzen Beinchen beim Aufstieg. Es war, als verstünde Marc ganz genau, dass dies seine erste Reise in einem Flugzeug war auf dem Weg zu Familie und Freunden, die sehr, sehr weit entfernt lebten, und dass dort ein Berg voller Liebe und Küsse und Spielsachen und süßer klebriger Bonbons auf ihn wartete, nur für ihn allein und ... wow!

Was für ein Abenteuer! Es schien zu schön, um wahr zu sein. Ich war mit den Nerven am Ende, weil ich nicht wusste, ob all diese Aktivität zu viel Sauerstoff von ihm nahm, was uns hier oben, hoch über den Wolken, in echte Schwierigkeiten hätte bringen können. Der bloße Gedanke daran machte mich so dermaßen fix und fertig, dass Dr. Spatler mir anbot, Marc ein leichtes Beruhigungsmittel zu geben, wenn das meine Anspannung etwas lösen würde.

»Ist das nötig?«, fragte ich ihn.
Er lachte. »Nein, ich denke nicht, wirklich nicht«, antwortete er. »Gut. Dann geben Sie’s mir.«

Das Flugzeug legte eine sanfte Landung hin. Wir waren alle überdreht und Helmut und ich waren total geschafft.

Beladen mit Kind, Handtasche und Handgepäck standen wir im Gang und warteten darauf, das Flugzeug verlassen zu können. Ich konnte es nicht fassen! Endlich war ich hier! Mit meinem Sohn! Mit Helmut! Und alle unversehrt! Plötzlich sah ich eine offiziell aussehende Dame, die sich hektisch ihren Weg durch den mit Passagieren vollgestopften Gang bahnte.

Ihre Augen erhaschten einen Blick auf Marc, und dann sah sie mich an. Sie sprach Englisch. Amerikanisch. Mit Seattle Akzent.

»Sind Sie Mrs Mayer?« Was war los?
»Ja, bin ich – warum fra –« Sie war kurz angebunden. »Geht’s dem Kind gut?«

»Oh, ja, ihm geht’s gut! Super! Wir hatten überhaupt keine Probleme.«

»Oh, fantastisch, das freut mich«, sagte sie. »Wir haben nämlich die Nachricht erhalten, dass das Kind krank ist und sofort das Flugzeug verlassen muss.«

Ich hatte keine Ahnung, wer diese Frau war oder woher sie von uns oder Marc wusste. Der Flug war ein Kinderspiel gewesen. Niemand hatte den Professor angerufen. Allein der Gedanke daran war lächerlich. Und selbst, wenn es jemand getan hätte – es hätte nichts Problematisches zu berichten gegeben. Also, warum war sie hier?

Mein Vater! Kurz bevor unsere Maschine gelandet war, hatte er der Flugbehörde am Boden mitgeteilt, dass ein krankes Kleinkind an Bord sei, dass sofort, also als Erstes, das Flugzeug verlassen müsse. Das hatte er ungefähr zu der Zeit getan, als meine Mutter, überwältigt von Emotionen, angespannt von der Warterei und der frohen Erwartung, die Fassung verloren und losgeschrien hatte.

»Theresa!«, hatte Oma Ella, eine langjährige Freundin unserer Familie, sie angezischt.

Der Kopf meiner Mutter war zu ihr herumgewirbelt und mit finsterer Miene hatte sie zurückgezischt: »Halt die Klappe!«

Ich denke nicht, dass ich das vorher jemals aus dem Mund meiner Mutter gehört habe – außer vielleicht, wenn sie mit meinem Vater gesprochen hat. Doch sie konnte es einfach nicht erwarten, endlich ihren Enkelsohn zu sehen. Und nun war es so weit.

Als ich die vertrauten Gesichter meiner Familie sah, war es, als stünde ich unter Strom. Ich wagte nicht, meine Augen auch nur für eine Sekunde von ihnen abzuwenden. Ich befürchtete, den würde. Unglaublich. Der große Graben war nun auf wenige Meter reduziert.

Ich bat Helmut, Marc zu nehmen, und rannte in die offenen Arme meines Vaters.

»Hey, Süße! Da ist ja mein Mädchen!«

Er umschlang mich, dann nahm er einen Schritt Abstand, sah mich an, rüttelte kräftig an meinen Schultern, zog mich wieder zu sich heran und drückte mich ganz fest. Ich streckte meine Hand nach meiner Mutter aus, griff ihren Nacken und ließ nicht mehr los. Meine Schwestern kamen dazu und umklammerten uns, Tante Christine und Oma Ella waren auch irgendwo in dem Knäuel zwischen all dem Umarmen und Drücken, den Küssen und Tränen und dem Freudengeschrei.

»Oh, wow, guck dich an! Du siehst so toll aus! Mensch, du auch! Er ist so groß! Wie geht es Marc? Wie war der Flug? Helmut, wie geht’s dir, mein Sohn? Mädchen, und dir? Liebling, du siehst wundervoll aus! Hattet ihr irgendwelche Probleme? Siehst du? Ich hab dir doch gesagt, alles wird gut! Gib’s einfach dem da oben in die Hände! Wie geht’s dir, Schätzchen? Jetzt guck dir meinen Enkelsohn an! Ist er nicht ein Prachtkerl? Sieht genauso aus wie sein Opa! Wisch dir mal die Tränen ab, du bist doch jetzt hier! Och, ist der süüüß! Traciiieee, warte mal, bis wir zu Hause sind! Ich habe einen Bohneneintopf gekocht! Gib mir mal meinen Enkel! Jetzt gib ihn schon her!«

»Marc, Spätzchen, willst du nicht zu Tante Christine kommen? Deine Oma will dich doch gar nicht!«

Marc bekam ein bisschen Angst wegen dieser Mordsaufregung. Meine Mutter streckte die Arme in die Luft, gestikulierte mit den Händen und brachte uns so alle zum Schweigen. Der Moment hatte schon fast etwas Heiliges. Marc blickte um sich herum in all die unbekannten Gesichter und lächelte schüchtern. Die Nase meines Vaters war ein bisschen rot, als ob er eine Erkältung hätte. Ich bemerkte, wie sein Finger einen Moment zu lang an seinem unteren Brillenrand verweilte, als er das Gestell und seine emotionale Mitte zurechtrückte. Ich kannte ihn allzu gut. Immerhin war ich zeit seines Lebens seine größte Herausforderung gewesen.

Dies war ein denkwürdiger Moment. Einer, an den wir uns erinnern würden. Er stand für die Mottos unserer Familie: »Aufgeben gibt’s nicht!« und »Aufstehen und loslegen!«, für Mut, Entschlossenheit, Überlebenswille, all die Dinge, die meine Urgroßmutter meinen Vater gelehrt hatte, und die ihre Ahnen davor in ihr Wesen eingemeißelt hatten. Der Moment war ein ehrwürdiger Beweis der Tatsache, dass mein Vater zielstrebig und gewissenhaft sein Bestes gegeben hatte, um mir kleine Stückchen von dieser Patchworkdecke zu hinterlassen, die mein Familienerbe war, egal wie ausgefranst die Ränder seiner eigenen Decke auch sein mochten. Damit hatte er mir ein Muster an die Hand gegeben, das mir zeigte, wie ich mir meinen Weg durch die feinen und die rauen Fäden des Lebens weben konnte.

Der Moment war auch ein Hoch auf den Optimismus meiner Mutter, ihren unerschütterlichen Glauben, ihr Vertrauen in die Macht des Gebets und in meine Fähigkeit, alles zu geben, wenn es um ihren Enkelsohn ging. Unzählige Male hatte sie mich getröstet und ermuntert und, wenn auch nur durch den Telefonhörer, meine Wunden geküsst und den Schmerz vertrieben. All das war in keinster Weise verlorene Liebesmüh gewesen.

»Ich brauch den Mist, den deine Oma da verzapft, nicht zu hören«, sagte mein Vater und streckte seine Arme nach Marc aus. Na ja! So viel zum Thema gesellschaftliche Umgangsformen!

»Komm mal her zu deinem Opa, Junge!«

Er nahm Marc aus Helmuts Armen, ließ nicht den geringsten Raum für Widerstand, und übersäte ihn mit Küssen. Abwechselnd grinste er seinen Enkelsohn und jeden Einzelnen von uns an. Dabei trommelte mein Vater stolz mit dem Daumen auf seinen Brustkorb. Marc gluckste vor Freude.

»Mein Enkelsohn! Meiner! Ein Junge!«, sprudelte es aus meinem Vater heraus. »Sieht aus wie ich! Tracie, Schätzchen, endlich hast du mal was richtig gemacht! Hast du gut gemacht, Mädchen. Hast deinen Daddy stolz gemacht.«

Fanfaren ertönten und eine Blaskapelle spielte auf.